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NEUES/007: Fugen-s, ein Beispiel für den grundlegenden Wandel der deutschen Sprache (SB)


Beispiel Fugen-s - Über den Wandel der deutschen Sprache von der Silben- zur Wortsprache


In "Baireuth den 15. Nov. 1819" schrieb Dr. Jean Paul Fr. Richter "Über das Zusammenfügen der deutschen Doppelwörter; in 12 Briefen an eine vornehme Dame; nebst einer geharnischten Nachschrift an die Gelehrten":

Meinen Versuch, der Sprache einen Übellaut, Überfluß und Verstoß zugleich zu ersparen, haben schon einige vor mir gemacht. In Köppens beiden neuen Werken - worin kein Poltergeist des neuern Philosophierens, sondern ein Astralgeist des alten erscheint und regiert -, in der "Politik nach platonischen Grundsätzen" und in der "Rechtslehre", haben einige Chöre Mißklänge oder Zischlaute verstummen müssen. In Schillers gesammelten Werken ist überall "Religionempfindung, Wahrheitgefühl, Landschaftmalerei, Einbildungkraft" zu finden. Auch Klopstock soll, wie mein geliebter Heinrich Voß mir sagte, für die Trauformeln der Doppelwörter eine bessere Agende haben setzen wollen. Hätt' ers doch getan und uns ein halbes Zisch- und Fehljahrhundert erspart! [1]

Ja, so alt ist die Diskussion über das Fugen-s, das damals schon als lästige und den Regeln entgleitende grammatische Besonderheit für sogenannte "Sammwörter" existierte. Zuletzt hat sich im Mai 2011 eine Forschergruppe um die Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Damaris Nübling der Johannes Gutenberg-Universität Mainz diesem Thema wieder gewidmet - mit der bemerkenswerten Schlußfolgerung, daß sich die deutsche Sprache über Jahrhunderte von einer Silben- zu einer Wortsprache entwickelt, um die es hier eigentlich gehen soll. Das kann man unter anderem auch daran sehen, daß das Deutsche derzeit eine enorme Ausweitung der s-Verfugung erlebt. Im Studienprojekt wurde untersucht, warum sich die s-Fuge so unaufhaltsam durchsetzt und wann diese Entwicklung ihren Anfang genommen hat. [2]

Für die Leser aber, die sich nicht bis in diese grammatikalischen Eingeweide der deutschen Sprache hinein auskennen, folgt hier zunächst eine knappe Einführung, worum es sich beim sogenannten Fugen-s überhaupt handelt - vorausgeschickt, daß die Bedeutung dieser kleinen, wohl auch ärgerlichen Erscheinung im unklaren liegt. Das Fugen-s ist ein Element (der Buchstabe "s"), das zwischen zwei Worten steht, die zusammengesetzt sind. Es bringt nicht zwingend eine zusätzliche Bedeutung mit sich und könnte sich ebenso um ein die Aussprache erleichterndes Wortteil oder um eine "Kennzeichnung handeln, die anzeigt, dass ein Wort noch nicht zu Ende ist." [2]

"Warum sagen wir 'Arbeitslose' und nicht mehr 'Arbeitlose'? Warum sprechen wir von 'Verkaufspreis', andererseits aber von 'Kaufpreis'? Weshalb gebraucht das Deutsche so viele Fugenelemente, im Gegensatz etwa zum Englischen, und wie sind die Regeln ihrer Verteilung?", mit diesen Fragen leitet der Informationsdienst Wissenschaft (idw) seine Berichterstattung zu den neueren Sprachforschungen an der Mainzer Universität ein. [2]

Wer dazu keine Regel gelernt hat, braucht sich nicht weiter zu beunruhigen, denn eine Logik zu finden ist müßig, wie selbst der Duden einräumt:

Fugenzeichen machen uns das Leben zugegebenermaßen nicht gerade leichter. Mal werden sie eingeschoben ("Schafskäse", "Bilderrahmen"), mal wieder nicht ("Schafwolle", "Bildband"). Wovon das abhängt, weiß oft keiner so genau zu sagen. [3]

Und nun zum Versuch der Duden-Sprachberatung, eine Regel zu formulieren, die eigentlich nur aus Ausnahmen besteht:

Leider können auch wir mit keiner durchgängigen Regel aufwarten, die besagt, wann Fugenzeichen gesetzt und welche jeweils verwendet werden. Selbst ein und dasselbe Bestimmungswort wird manchmal ohne, in anderen Fällen mit (verschiedenen) Fugenzeichen an das Grundwort angeschlossen. [...] Aber bei weitem nicht immer können Fugenzeichen so erklärt werden; vgl. z. B. "Arbeitsplatz", "Freundeskreis": "s" kommt in der Deklination von "Arbeit" gar nicht vor, und der "Freundeskreis" umfasst in den meisten Fällen nicht nur einen Freund. [...] Im Zweifelsfall hat man die freie Wahl bzw. kann sich an anderen Zusammensetzungen mit dem gleichen Bestimmungswort im Wörterbuch orientieren. [3]

Um den eigenen Sprachgebrauch entscheidungsfreudiger zu machen, ist es hilfreich, sich in Erinnerung zu bringen, daß die Bezugnahme auf starre Regeln beim Sprechen mindestens zur Verwirrung, wenn nicht zur Verzweiflung führen kann, denn Sprache lebt, verändert sich ständig und ist nicht kompatibel mit einer toten Regelsystematik. So nehmen die Linguisten der Universität Mainz die Veränderung in der Verwendung des Fugen-s im Sprachgebrauch auch nur zum Anlaß, um weitreichendere Tendenzen im Wandel der deutschen Sprache aufzuzeigen.

Feste Regeln zu geben, wann eine Verfugung zu erfolgen hat oder welche Variante richtig ist, ist nicht das Ziel der Arbeit. Lebende Sprachen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich ständig verändern. Zweifelsfälle wie "Kriegsführung" oder "Kriegführung", von denen es derzeit etwa 100 gibt, können gut über längere Zeit nebeneinander bestehen. "Solche Schwankungen sind uns Sprachwissenschaftlern hochwillkommen, zeigen sie doch, dass hier ein Sprachwandel stattfindet, den wir untersuchen und verstehen wollen", so Nübling. Hier zwischen "richtig" und "falsch" unterscheiden zu wollen, wäre sinnlos (beide Varianten sind korrekt) und würde den Blick auf den dahinter ablaufenden Sprachwandel verstellen. [2]

Es besteht die Vermutung, dass es sich bei dem Fugen-s

um eine Kennzeichnung handelt, die anzeigt, dass ein Wort noch nicht zu Ende ist. "So kann der Zuhörer ein komplexes Wort besser erkennen und weiß auch gleich, wo die Grenze zwischen den beiden Gliedern verläuft", meint Kristin Kopf, die sich im Rahmen ihrer Doktorarbeit am Deutschen Institut mit der Frage beschäftigt. [...] Auch Althochdeutsch war noch eine Silbensprache, aber das Deutsche ist zu einer Wortsprache geworden, die sich dadurch auszeichnet, dass das Wort als Informationseinheit Vorrang hat und Wortgrenzen daher stärker markiert werden - ebenso wie im Englischen. [...] "Die Entwicklung des Deutschen zu einer Wortsprache [...] wird durch die s-Verfugung noch zusätzlich vorangetrieben." [2]

Womit der bemerkenswerte Teil an dieser linguistischen Forschung angesprochen ist, zu dem es leider keine Vertiefung gibt. Die versprochenen Untersuchungen bestehen nur aus der Beschreibung von Beobachtungen. Die Aussage, daß die deutsche Sprache sich über Jahrhunderte von einer Silben-, d.h. von einer flektierenden Sprache, zu einer Wortsprache entwickelt, sollte jedoch keineswegs eine Nebenbemerkung bleiben.

Die Entwicklung ist schleichend und bisher weitgehend unbemerkt verlaufen und verändert den Kern der deutschen Sprache. Das heißt nichts anderes, als daß der Sprachgebrauch an Variantenreichtum verliert und damit die Ausdrucks- und Denkmöglichkeiten im Deutschen stark eingeschränkt werden. Wie das zustande kommt, soll hier mit Hilfe des Lexikons aus dem "web uni-protokolle.de" kurz beschrieben werden. Es geht um den Bau von Wort und Satz, denn nicht alle Sprachen funktionieren nach dem gleichen Prinzip:

Eine flektierende Sprache ist eine Sprache die grammatische Kategorien, Funktionen und syntaktische Beziehungen zwischen Wörtern und Wortgruppen dadurch ausdrückt dass die Wortstämme erweitert werden das heißt dass ihnen weitere Elemente (genauer Morpheme) hinzugefügt werden.

Beispiel: Die Personalform von Verben im Singular Präsens regelmäßiger Verben werden durch die Endungen markiert welche an den Wortstamm (hier lach-) angefügt werden.

* ich lach-e
* du lach-st
* er lach-t

Daneben kann auch der Wortstamm verändert werden. [4]

Flektierende Sprachen sind die älteren indoeuropäischen Sprachen Griechisch und Latein und auch einige indogermanisch-stämmige Sprachen wie Deutsch und Russisch. Das Gegenteil der flektierenden Sprache ist die isolierende Sprache (auch analytische Sprache, wie das Englische, Französische) in der die Bedeutung bzw. inhaltliche Beziehung durch die Reihenfolge der Worte im Satz oder durch Hilfsworte (Präpositionen, Konjunktionen, Hilfsverben) festgelegt wird. Diese Sprachen werden von der Forschergruppe der Universität Mainz mit "Wortsprachen" bezeichnet. - Und mehr als diese Oberfläche braucht hier eigentlich nicht beschrieben zu werden, um verstehen zu können, welche Folgen für die Ausdrucksmöglichkeiten diese unterschiedlichen Sprachbildungen mit sich bringen und was es für das Deutsche bedeutet, wenn es sich von der Silben- zur Wortsprache wandelt.

In einer isolierenden Sprache wie Englisch kommen die Wörter in allen Kontexten in der gleichen Form vor, wohingegen zum Beispiel das deutsche Nomen oder der dazugehörige Artikel gebeugt (dekliniert) wird. Aus diesem Grund ist die Position der Wörter in der Satzstellung im Englischen sehr wichtig, weil nur sie darüber Auskunft gibt, welches nun das Subjekt und welches das Objekt des Satzes ist. Ein bekanntes Beispiel:

Englisch: The dog eats the fish

Deutsch: Der Hund frisst den Fisch

Während man nun den Satz im Deutschen problemlos umstellen kann, ohne dass der Sinn verändert wird:

"Den Fisch (Akkusativ) frisst der Hund (Nominativ)",

geht das mit dem englischen Fisch nicht so ohne weiteres, denn wenn es sich nicht gerade um einen weißen Hai oder Riesenwels handelt, ist der Satz

"The fish (subject) eats the dog (object)",

doch erstmal recht unwahrscheinlich, weil wir automatisch davon ausgehen, dass das Subjekt im Englischen an erster Position steht. Im Deutschen hingegen erkennen wir auf den ersten Blick an den deklinierten Artikeln (der/den), dass es sich hierbei jeweils um den Nominativ bzw. Akkusativ handelt, ganz gleich an welcher Position sich die Fische und Hunde im Satz tummeln. [5]

Das deutsche Nomen bringt jeden Fall bzw. Kasus eindeutig zum Ausdruck, entweder durch das Beugen des Artikels oder/und des Hauptwortes. Im Englischen kann man ohne inhaltlichen Bezug keinen Unterschied zwischen den Fällen ausmachen, weshalb die Stellung des Hauptwortes im Satz hier sehr wichtig ist.

Wenn nun im deutschen Sprachgebrauch immer mehr die Bezeichnung der Wortgrenzen und nicht mehr die Verwendung und Variation der Wortendungen eine Rolle spielt (siehe den unverständlich gewordenen Gebrauch des Fugen-s), dann zeigt das eine schleichende Sprachanpassung an den Satzbau und an die vereinfachte Wortstruktur einer isolierenden Sprache, was die Sprachmöglichkeiten und das System des Deutschen von Grund auf ändern wird. Schlimmer noch, das Wissen um die Anwendungsmöglichkeiten und Wirkungen wird langsam und unmerklich versiegen. Diese Entwicklung ist sprachgeschichtlich gesehen älter (siehe schon Jean Pauls Beobachtungen), aber vollzieht sich zur Zeit rasant. Insofern zeigt das unspektakulär leise veröffentlichte Ergebnis der Mainzer Linguisten nicht nur einen kleinen Schritt in Richtung einer neuen Sprachentwicklung auf, sondern bedeutet einen großen Alarm für einen Verlust in der deutschen Sprache.

Wahrlich, wer in Grimms Meister-Grammatik - diesem deutschen Sprachheroum - es lesen muß, wie unsere Sprache die reiche Klang-Singstimme ihrer Jugend durch die Jahre eingebüßt und sie nun, gleich einer alten Frau, da kreischt und pfeift, wo sie früher sang: der möchte weinen über einen Verlust auf ewig. [1]


Anmerkungen:
[1] Jean Paul: Über die deutschen Doppelwörter. Eine grammatische Untersuchung in zwölf alten Briefen und zwölf neuen Postskripten, in: Jean Paul, tractate, Sämtliche Werke Abteilung II Band 3, Über die deutschen Doppelwörter, Erstveröffentlichung 1820, Zweitausendeins, Frankfurt am Main, 1996, ISBN 3-86150-152-X, aus: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3213/1
[2] Artikel: "Sprachwandel: Fugen-s auf dem Vormarsch", IDW Johannes Gutenberg-Universität Mainz - 18.05.2011 (siehe auch Schattenblick, BILDUNG UND KULTUR / FAKTEN / SPRACHE/741: Sprachwandel - Fugen-s auf dem Vormarsch (idw)
[3] Duden-Sprachberatung, Duden-Newsletter vom 28. Mai 2004, http://www.duden.de/newsletter/archiv
[4] http://www.uni- protokolle.de/Lexikon/Morphologie_%28Sprache%29.html
[5] aus: Sprachen - Grammatik - Abartiges. © 2010, Frank Juli 21st, 2008: .... aber wer killt hier eigentlich wen?, http://sprachen-blog.de/der-dativ-ist-dem-genitiv-sein-tod/

16. September 2011