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SCHACH-SPHINX/02335: Verliebt in eine fatalistische Allegorie (SB)


Wie sehr das Mittelalter in allegorischer Verliebtheit im Schachspiel so etwas wie einen Spiegel für die irdische Bedeutungslosigkeit des Lebens sah, bezeugt eine Passage aus dem Buch des um 1262 als Doktor der Theologie an der Pariser Universität lehrenden Jean de Galles mit dem Titel 'Communiloquium'. Darin heißt es, "die Welt gleiche einem Brett mit weißen und schwarzen Feldern, auf denen die Menschen als Schachpuppen verschiedene Plätze einnehmen. Früh holt man die Figuren, die Gallensis in einem Verse Rex, rochus, alphinus, miles, regina, pedinus nennt, aus einem Sack hervor und stellt sie auf das Brett; nach vollendetem Spiel wartet aber aller, ungeachtet ihrer verschiedenen Stellung im Leben und im Spiele, der nämliche Ort, und wie der König dabei wohl zuunterst im Beutel zu liegen komme, so könnten auch die Großen der Erde zur Hölle, die Armen aber in den Himmel gelangen. Auf dem Brett des Lebens spielt der Teufel mit dem Menschen und sagt ihm Schach, wer sich dann nicht schnell bekehrt, dessen Seele wird Matt geraubt." Tief sind die Worte getränkt vom religiösen Fatalismus. Man wundert sich, denn im Schachspiel wird ja gerade das Gesetz des Zufälligen durch Vernunft und Logik überwunden, und ob jemand ein gutes oder schlechtes Gewissen hat, spielt im heutigen Rätsel der Sphinx keine Rolle, denn der schwarze König geht - mit oder ohne Seele - in drei Zügen matt, Wanderer.



SCHACH-SPHINX/02335: Verliebt in eine fatalistische Allegorie (SB)

Gipslis - Kostro
Dubna 1976

Auflösung des letzten Sphinx-Rätsels:
Manch ein Schachmatt wirkt in der Tat wie ein stoischer Tod: 1...e4- e3!! 2.f2xe3 Df5xh3+!! 3.g2xh3 Tc2-h2+ 4.Kh1-g1 Sd4-e2#


Erstveröffentlichung am 08. Januar 1999

02. November 2009